Es ist ein bewegendes Schicksal. Die OTTONIA hat eine Dokumentation über die tschechische Schauspielerin Anna Letenska produziert, die von den Nazis umgebracht wurde. Die Dokumentation startet am 1. Oktober 2009 in den deutschen Kinos. „Der Film ist ein Versuch, sich der Wahrheit anzunähern“, sagt Producerin Dorothea Schrade von der OTTONIA. Neben der Kinofassung entstand eine 45-minütige Fassung für den WDR sowie ein 52-minütige Version für arte.
Schauspielen unter Bewachung
Rückblick - Mai 1942: In den berühmten Prager Barandov-Studios wird die Filmkomödie „Prijdu hned“ („Komme gleich“) gedreht. Eine der Hauptrollen spielt Anna Letenska. Der heute 97-jährige Otakar Vávra inszeniert den Film. Während die Dreharbeiten noch laufen, wird das Attentat auf den NS-Statthalter Reinhard Heydrich verübt, an dessen Folgen er wenige Tage später stirbt. Die Nazis reagieren mit brutaler Vergeltung. Auch Anna Letenska ist nun in Gefahr. Ihr Mann Vladislaw Caloun hat den Arzt, der einen der Attentäter behandelte, bei der Flucht unterstützt. Er und Anna Letenska werden verraten und verhaftet. Dann geschieht das Unglaubliche. Die Nazis lassen Anna Letenska für die Zeit der Dreharbeiten wieder frei. Die Dreharbeiten von „Prijdu hned“ laufen weiter. Anna Letenska spielt die Rolle einer lustigen Hausmeisterin und sie weiß, dass sie von Bewachern und Spitzeln umgeben ist.
Originale Filmrollen entdeckt
Der Film hat eine lange Geschichte. Schon vor sechs Jahren begannen Fred Breinersdorfer und Anne Worst mit den ersten Recherchen. Mit Hilfe von Archivmaterial, Zeitzeugen und den Original-Filmausschnitten von „Prijdu hned“ rekonstruiert der Film das Leben und Schicksal von Anna Letenska. Bei ihren aufwändigen Recherchen stießen die Autoren, unterstützt von zwei Fachberatern, auf zum Teil spektakuläre Dokumente. Im tschechischen Nationalarchiv entdeckten die Autoren die originalen Filmrollen. Sie fanden ein Telegramm, in dem angeordnet wird, dass alle Täter und Mitwisser an dem Attentat auf Heydrich sofort umzubringen sind. Bei ihren Recherchen stießen sie außerdem auf die Verhörprotokolle von Anna Letenskas Ehemann.
Viele Zeitzeugen kommen zu Wort
Der Film berührt das sensible Thema von Schuld und Verstrickung, von Kollaboration und Verrat und das Arrangieren mit einem Regime. In Tschechien würden sich die Historiker vor allem mit dem Widerstand gegen das NS-Regime beschäftigen, aber nicht mit der Kollaboration mit den Besatzern, sagt Breinersdorfer. Bei ihren Recherchen stießen die beiden Autoren immer wieder auf Vorbehalte. Die Autoren haben viele Zeitzeugen, Kollegen von Letenska und Verwandte ausfindig gemacht. „Für sie alle war es eine komplizierte Zeit, an die sie sich oft nur zurückhaltend erinnern“, sagt Dorothea Schrade. Zu Wort kommt zum Beispiel eine Frau, die als 17-Jährige zusammen mit Letenska im Konzentrationslager Theresienstadt inhaftiert war. Dort soll sie für die Kinder aus Brotteig kleine Figuren gebastelt haben.
Kurz vor seinem Tod konnten die Filmemacher noch ein langes Interview mit dem Sohn von Anna Letenska führen. Bei ihm sei viel Verbitterung zu spüren gewesen, wie mit dem Schicksal seiner Mutter umgegangen wurde, sagt Breinersdorfer. Ihr wurde posthum ein Orden verliehen. Eine Straße erhielt ihren Namen. Das war es. „Deswegen hat er den Film mit großem Interesse und Freude begleitet“, sagt Breinersdorfer. Die Premiere ihres letzten Films hat Anna Letenska nicht mehr erlebt. Am 25. Oktober 1942 wurde sie im KZ Mauthausen ermordet.