Mit dem Rücken an der Wand

Insolvenzen sind in Deutschland zunehmend an der Tagesordnung. So hat das statistische Bundesamt ermittelt, dass es 2007 15 Prozent mehr Pleiten gab als noch 2005. Vor allem die privaten Schulden wachsen. Hier betrug die Wachstumsrate sogar 36,2 Prozent. Das bedeutet allein 113.000 Menschen mussten 2006 vor das Insolvenzgericht treten, weil die Schuldenfalle über ihnen zusammengeschnappt ist. Doch wie sehen die Schicksale hinter diesen nüchternen Zahlen aus? Was bedeutet es, in der Schuldenspirale gefangen zu sein? Wie verkraften die Betroffenen das Leben mit der Insolvenz? Wie beschwerlich ist der lange Weg in ein schuldenfreies Leben? Die Reportage „Mit dem Rücken an der Wand“ begleitet Familie Kahn aus Treuenbritzen in Brandenburg über ein Jahr auf ihrem beschwerlichen Weg – ein Überlebenskampf zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Armin Kahn (54) und seine Frau Ines (53) ging es einmal richtig gut: Zwei Häuser, zwei Autos – alles Früchte des selbstaufgebauten Familienbetriebes mit bis zu 62 Angestellten. Doch seit 2000 gehen die Geschäfte in der Fernseh- und HiFi-Reparatur-Branche immer schlechter: Die Kahns bekommen die Globalisierung zu spüren. Angestellte werden entlassen, das Ehepaar muss immer mehr privates Geld in die Firmenrettung stecken. Die private Altersversorgung wird aufgelöst, die Kahns bürgen mit immer mehr privatem Vermögen, um das Unternehmen zu retten – doch vergeblich. Im Juni 2006 muss Insolvenz angemeldet werden.

Als wir die Kahns zum ersten Mal treffen, hat gerade der vom Gericht eingesetzte Insolvenzverwalter die Arbeit aufgenommen und versucht in der GmbH zu retten, was zu retten ist. Und auch privat braut sich Unheil zusammen. Nach einem Kassensturz stellen sie fest, dass sie mit bis zu 100.000 Euro für Verbindlichkeiten des Unternehmens privat bürgen. Dazu drücken Schulden auf den beiden Häusern von über 300.000 Euro. Wie wenigstens die Zinsen bezahlen?

Die Reportage begleitet das Ehepaar Kahn ein Jahr lang bei seinem verzweifelten Kampf, nicht von der Schuldenspirale überrollt zu werden. Es ist ein Jahr voller einschneidender Ereignisse: Die Firma wird von einem Insolvenzverwalter geführt, doch ist nicht zu retten. Mit Hilfe eines Freundes kann Armin die Insolvenzmasse aufkaufen und mit einer neuen Firma noch einmal versuchen, das Ruder herumzureißen. Doch mit der Liquidierung der alten Firma werden die Bürgschaften fällig und die Schuldenspirale der Kahns dreht sich auf 450.000 Euro hoch. Die Zwangsversteigerung des ersten Hauses steht an und kann erst in letzter Sekunde abgewendet werden. Ehefrau Ines ist arbeitslos, da sie als Buchhalterin in der eigenen Firma als erste entlassen wurde. Verzweifelt versucht sie, sich ein eigenes Standbein aufzubauen und scheitert. Als das Arbeitslosengeld ausläuft, beginnt sie als Putzfrau in der neuen Firma des Mannes zu arbeiten, um wenigstens sozialversichert zu sein.

Dazu die privaten zwischenmenschlichen Probleme. Vater Armin gerät in eine tiefe Sinnkrise, weil er plötzlich nicht mehr der Ernährer der Familie ist. Ines kämpft mit Existenzängsten. Jeden Monat muss das Ehepaar insgesamt 3500 Euro Ratenzahlungen an verschiedenste Gläubiger leisten. Kredite bekommen sie längst nicht mehr – die Schufa hat sie gesperrt.

Das Leben der Kahns ist ein Kartenhaus, das jeden Moment zusammenfallen kann. Die Angst ist ihr ständiger Begleiter und der Zweckoptimismus ist ihr einziges Schutzschild. Doch egal wie schwarz die Zukunft zwischenzeitlich aussieht, die Kahns geben die Hoffnung nicht auf. Sie sind bereit, zu kämpfen. Ihr Ziel ist es, die Privatinsolvenz auf jeden Fall zu verhindern. Das Ehepaar will jeden Euro an seine Schuldner zurückzahlen, wie lang es auch dauern mag.

 

Erstausstrahlung: 27.11.2007, MDR
Wiederholung: 10.02.2009, MDR