Moritz Schreber – Vom Kinderschreck zum Gartenpaten

Bis heute ist der Name Schreber ein Synonym für den Kleingarten am Rande der Stadt.

Doch der Leipziger Arzt Daniel Gottlob Schreber hat mit der Kleingartenidylle, die seinen Namen trägt, so viel oder so wenig zu tun wie der Reichskanzler Bismarck mit dem Bismarck – Hering. Beide sind Namenspatrone, mehr nicht.

Schreber erntete postum den Ruhm für eine Massenbewegung, die er bestenfalls inspirierte. Sein eigentliches Streben galt nicht wohlge- formten Radieschen und leuchtenden Kletterrosen.

Moritz Schreber am selbst entwickelten Ertüchtigungsgerät

Der "Volkserzieher" befürwortete den Ballsport

Sport barg zu allen Zeiten schon Unfallgefahr in sich

Die Maskenbildnerin hat Schreber für den Sportunfall vorbereitet

Schreber wird von einer umstürzenden Leiter niedergestreckt

Schreber erprobt neue Methoden (Bild: DREFA.de)
Schreber erprobt neue Methoden
Schreber wird von einer umstürzenden Leiter niedergestreckt. (Bild: DREFA.de)
Schreber wird von einer umstürzenden Leiter niedergestreckt.

Der Leipziger Orthopäde Schreber hatte gerade Kinderrücken im Sinn, nicht getrimmte Gemüsebeete. Schreber wollte den „neuen Menschen“, an Körper und Geist gesund, tugendhaft, sauber und strebsam.  

Der Aufklärung verpflichtet und vom Fortschrittsglauben beseelt, glaubte Schreber an die absolute Formbarkeit des Menschen durch Erziehung.

Doch leider ist der selbsternannte Volksaufklärer mit seinem Projekt „Idealmensch“ bereits in der eigenen Familie kläglich gescheitert.

Sein ältester Sohn Gustav schoss sich in einem Anflug von Melancholie eine Kugel in den Kopf, dessen jüngerer Bruder Paul fiel dem Wahnsinn anheim. Doch ist das traurige Ende der Schreber-Söhne tatsächlich das Resultat der rigiden väterlichen Erziehung? Trieben Paul und Gustav die orthopädischen Apparate, die Schreber entwickelte und an den eigenen Kindern ausprobierte, wirklich in den Wahn? Oder steht Daniel Gottlob Schreber nicht vielleicht doch zu unrecht als unbarmherziger Kinderschreck am Pranger?

Der Film geht diesen Fragen nach, beleuchtet Leben und Streben des Arztes und Privatmannes Schreber, folgt seinen Spuren an authentische Orte und Lebensstationen und verbindet diese mit historischen Dokumenten, Spielszenen und Originaltönen von Befürwortern und Kritikern, Pädagogen, Medizinern und Psychologen zu einem lebendigen und anschaulichen Lebensbericht des umstrittenen Leipzigers.


Sendung:
4.11.2007, 20.15 Uhr, MDR

Drehorte:
Leipzig

Der Autor und Regisseur: André Meier

André Meier wurde 1960 in Berlin geboren. Er studierte Kunstgeschichte und arbeitet seit 1992 als freier Autor für Presse, Rundfunk, Fernsehen und Theater. Er ist als Redakteur der Berliner Tageszeitung taz und als Korrespondent für die Kunstzeitschrift „Art“ in Hamburg tätig.

1999 publizierte er den Roman „Fixies“ (Aufbau-Verlag). 2008 „Die kleine Aussteigerfibel“ (Seitenstraßenverlag). 2009 folgte das Buch „Die Geburt des radikalen Islamismus aus dem Hüftspeck des deutschen Schlagers“ (Rowohlt-Verlag).

André Meier ist Autor und Regisseur zahlreicher TV-Produktionen. So verfasste er u.a. die Drehbücher zu „Auch deutsche Kunst“ (ARD, 1992) „Abgehangen und vergessen, Kunst der DDR“ (WDR, ORB, 1996) „Soundtrack Ost – Musik und Macht in der DDR“, ARTE, 2004, „Liebte der Osten anders?“ (ARD, ARTE, 2006) oder „Das Mädchen und die Panzer“ (ARTE, 2009).

Für die „Geschichte Mitteldeutschlands“ ist er seit 2001 regelmäßig als Autor und Regisseur tätig. 

Der Kameramann: André Böhm

André Böhm, Jahrgang 1962, absolvierte das Studium zum Kameramann in Potsdam-Babelsberg. Nach erfolgreichem Abschluss, arbeitete er beim DDR-Fernsehen. Seit 1992 ist er freiberuflich tätig und dreht vor allem Reportagen und Dokumentationen (u.a. „Bilderbuch Deutschland“, „Legenden“) sowie für verschiedene Kulturmagazine, wie den „Kulturreport“ und „aspekte“. Im Jahre 2006 drehte er u.a. für das ZDF eine Biografie über Heinz Rühmann und eine dreiteilige Geschichtsdokumentation über die deutsche Wehrmacht.

Für „Geschichte Mitteldeutschlands“ drehte bereits die Filme über Otto von Bismarck (2004) und Kunz von Kaufungen (2005).